Führen ohne Stress – geht das?

von Ralf Domrös

Interview, Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR), Berlin

Stress entsteht, wenn man zu stark nach außen orientiert ist und zu wenig nach innen. Sobald die Balance wiederhergestellt ist, kann man auch in schwierigen Situationen gut und gelassen reagieren. Die positiven Folgen sind deutlich spürbar – und reichen bis in die eigenen vier Wände.

Herr Domrös, Sie halten nicht nur Impulsvorträge in Unternehmen und Verbänden, sondern sind dort auch als Coach beratend tätig. Mit welcher Art von Menschen arbeiten Sie dabei genau zusammen?

Mit Führungskräften in großen Unternehmen sowie Inhabern von kleinen und mittleren Unternehmen – manchmal auch mit internationalen Organisationen und NGOs.

 

Welche Anliegen haben Ihre Kunden, wenn sie Sie engagieren?

Die Anliegen sind tatsächlich sehr unterschiedlich. Aber im Kern geht es oft darum, die Effektivität am Arbeitsplatz zu erhöhen. Das heißt: Mit weniger Anstrengung mehr erreichen. Dafür braucht es meist echte Veränderung – also nicht nur ein paar Abläufe ein bisschen verändern. Es braucht Veränderung in den Köpfen. Führungskräfte müssen emotional überhaupt immer stabiler werden, weil äußere Anforderungen ständig steigen. Sie müssen innerlich sehr präsent und leistungsfähig sein. Auf der anderen Seite: Mehr wirklich bei sich zu sein verändert die Kommunikation kolossal – zum Positiven.

 

Gibt es grundsätzliche Ratschläge, die Sie Ihren Kunden geben?

Bei Impulsvorträgen schon. Im Coaching hingegen gibt es keine „grundsätzlichen Ratschläge“. Jede Person muss man in der Regel woanders „abholen“. Keine ist gleich.

 

Was ist das häufigste Problem, dass Sie festgestellt haben?

Meinen Sie beim Thema Stress?
(Ja.)

Stress wird erzeugt, wenn man zu stark nach außen orientiert ist und zu wenig nach innen – wenn man also nur auf die Anforderungen der Kunden, Chefs oder Mitarbeiter schaut – und zu wenig auf sich selbst. Sobald die Balance wiederhergestellt ist, verändert sich vieles zum Positiven – Interessanterweise wird in der Regel auch das Verhältnis zu diesen Menschen und Gruppen meist viel besser.

Wer mehr bei sich ist, also gleichzeitig nach außen und nach innen fokussiert ist, kann selbst in schwierigen Situationen gut und gelassen reagieren. Kann das Richtige entscheiden und sehr wirksam kommunizieren. Die positiven Folgen reichen dann bis in die eigenen 4 Wände.

 

Was raten Sie als Coach in diesem Fall?

Wir trainieren immer anhand praktischer Beispiele, etwa Situationen, die einem Stress bereiten. Und wir schauen, dass man eine Situation, die aktuell schwierig erscheint, anders handhabt – dass man besser mit ihr umgeht, effizienter kommuniziert. Irgendwann macht es „Klick“: Weil sich die Haltung verändert hat, können Herausforderungen besser angenommen werden. Im Ergebnis verändert sich die Fähigkeit, auch mit sehr ungemütlichen Situationen gut umzugehen.

 

Welche Folgen würde es geben, wenn man nichts gegen seinen eigenen Stress tut?

Das ist individuell unterschiedlich: Menschen mit recht stabiler physischer Konstitution oder geringem Schmerzempfinden können durchaus über viele Jahre Stress „aushalten“ – also weitermachen, ohne dass der Körper versagt. Das kommt dann vielleicht später.

Empfindlichere oder sensitive Menschen hingegen merken das sehr schnell – und müssen auch schnell was verändern, da es der Körper sonst nicht lange mitmachen würde, ohne Symptome zu zeigen, also krank zu werden. Das kann allerdings auch von Vorteil sein. Denn solche Menschen sind sozusagen „gezwungen“, mehr auf sich acht zu geben.

Stress ist in aller Regel menschengemacht und nicht etwas, das „von außen“ quasi vorgegeben ist – nach dem Motto: Man kann ja nichts daran ändern. Oder nach dem Motto: Diese Person oder jene Umstände sind halt schuld an meinem Stress. Natürlich klingt das plausibel, dass irgendwer oder irgendwas schuld ist… Doch es bringt wenig: Wir machen uns selber den Stress – und können es auch nur selber verändern.

 

Empfinden Sie selber Stress in Ihrem Beruf?

Klar, wenn Dinge nicht ganz so schnell und einfach funktionieren wie gedacht. Bei der meiner Arbeit selbst, also mit Menschen, im Vortrag oder im Coaching, bin ich in aller Regel voll konzentriert und dadurch in aller Regel stressfrei.

Die Herausforderung liegt für jeden aber auch abseits der geliebten Kern-Aufgaben. Bei Dingen, die auch getan werden müssen z.B. Das lässt sich nicht vermeiden. Aber auch dabei ist es wichtig, der aufkeimenden Ungeduld, der Unzufriedenheit, dem Ärger nicht viel Raum zu geben.

Letzens z.B. saß ich auf dem Weg zu einem Vortrag schon angeschnallt im Flieger nach Mallorca. Es dauerte unerwartet lange bis zum Start. Alle wunderten sich schon. Plötzlich kam die Lautsprecher-Info, dass alle Flüge wegen eines Fluglotsenstreiks ersatzlos entfallen. Wir sollen doch den Flieger bitte jetzt wieder verlassen. In dem Augenblick entstand erheblicher Stress im Flugzeug. Viele waren sauer oder verzweifelt, denn es hingen Hotelbuchungen oder berufliche Treffen daran. Ich hatte tatsächlich auch eine Schrecksekunde. Aber das Training hilft, mit solchen Umständen anders umzugehen: entweder gar nicht erst auf den Stress-Zug aufzuspringen oder nach einem ersten „Schrecken“ wieder zügig in einen entspannten Zustand zu kommen.

 

Haben Sie für sich selber Methoden um mit dem Stress umzugehen?

Ein Schlüssel ist, die eigene Stressreaktion einfach zu bemerken – und sie quasi zu beobachten. Menschen bemerken den Stress oft erst über den Körper, wenn dieser Signale gibt, dass es doch zu viel war.

Die Gefahr ist, dass wir es gar nicht richtig erkennen – oder wir bemerken es zwar, aber denken dann, es wäre total normal, gestresst zu sein. Vielleicht ist der eine oder andere sogar unbewusst stolz darauf, weil Stress und Geschäftigkeit mehr Wichtigkeit suggerieren – auch dass man gebraucht wird.

Oder man beklagt sich über zu viel Beschäftigung und „erntet“ dadurch Mitgefühl von anderen.

 

Wie ist das mit Sport?

Sport kann hilfreich sein! Und ist manchmal auch Thema im individuellen Coaching. Es ist nach meiner Erfahrung individuell unterschiedlich, wer jetzt wieviel sportlichen Ausgleich benötigt.

Manch einer braucht sehr viel Bewegung – und manch einer wenig. Ich selbst mache gerne täglich etwas Sport, variiere dabei Länge und Intensität. Mir tut das gut!

 

Was wäre aus Ihrer Sicht langfristig entscheidend? Und was können z.B. Führungskräfte machen, um weniger gestresst zu sein?

Es hilft enorm, sich auf dem Umgang mit schwierigen Situationen gut vorzubereiten – insbesondere auch kommunikativ. Also: Was würde man sagen, wenn … usw. Das heißt aber nicht, dass man jetzt nun irgendwelche Sätze auswendig lernt, denn das wäre nicht nachhaltig.

Bei einem schwierigen Gespräch mit einem Kunden oder Kollegen z.B. geht es vielmehr darum, eine positiv-neutrale Haltung einzunehmen und aus dieser heraus wirksam zu kommunizieren. Die richtigen Worte fallen einem dann schon ein, wenn die eigene Haltung klar und auf dem Punkt ist – man also nicht wie sonst mehr oder weniger „automatisiert“ auf den anderen reagiert. Eine derart veränderte Kommunikation ist für Führungskräfte ein Quantensprung.

 

Was wäre dabei entscheidend?

Wir sind in unserem Handeln oft nicht fokussiert genug. Machen z.B. Dinge nicht, die es braucht – dafür Dinge, die es zum jetzigen Zeitpunkt nicht braucht. Wir üben mit den Führungskräften auch, die eigene Sensitivität für dieses Thema zu erhöhen: also z.B. Stress rechtzeitig wahrzunehmen, etwa in einer schwierigen Situation am Arbeitsplatz.

Es kann auch sein, dass Stress ständig unterschwellig vorhanden ist, also man dauerhaft irgendwie angespannt ist. Mit gezieltem Training gelingt es auch, dass der Stress allein dadurch nachlässt, dass man ihn bemerkt. Das braucht allerdings eine gewisse Aufmerksamkeit und Konzentration. Auch die kann und muss man trainieren.

Führungskräfte verfügen in aller Regel über eine gute mentale Konzentration, das ist schon mal ganz gut. Aber die, die schaffen, diese Konzentrationsfähigkeit noch zu erweitern und zu vertiefen, erschließen sich eine neue Welt.

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